Da zählten wir nach, wie viele Tage wir noch bis zur Fähre haben und bemerkten, dass wir einen Tag vergaßen. Was passt also besser, diesen vergessenen Tag auf dem Forgotten World Highway zu verbringen?

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Eigentlich wollten wir ja nur zum Mount Egmont, diesem bilderbuchartigen Vulkan südwestlich der Neuseeländischen Nordinsel. Als wir den Berg ins Navi eintippen lenkt es uns vom Tongariro Nationalpark über Wanganui komplett außenrum. Auch Open Street Map weigert sich, den direkteren Weg über Taumarunui Richtung Stratfort zu nehmen. Warum? Als wir dann sehen, dass die so konsequent gemiedene Straße „Forgotten World Highway“ heißt, ist unsere Neugier endgültig geweckt. Nach kurzer Recherche wissen wir, dass die Straße zu ihrem Namen kam, weil täglich im Schnitt 150 Autos darauf fahren und sie damit der am wenigsten befahrene Highway des Landes ist. Außerdem ist er auf 12 Kilometern nicht asphaltiert, was wohl einiges zu seiner Vermeidung beiträgt. Für uns, die wir schleunigst Abstand von vielen Menschen brauchen, klingt das ganze perfekt. Nach erneuter Recherche finden wir in unserem Campermietvertrag nichts, was diesen Weg versicherungstechnisch ausschließt. Also nichts wie hin!

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Vor Ort erwartet uns tatsächlich eine sensationelle Straße durch verwunschene Täler, spektakulären Schluchten, tollen Pässen und jeder Menge Natur. Sogar die berühmten Schafe, die es in Neuseeland angeblich überall gibt, sehen wir hier zum ersten Mal. Sie grasen friedlich auf den steilen Hügeln und scheinen ihr Dasein als Teil der Idylle richtig zu genießen. Als schließlich im Hintergrund des Panoramas auch noch der schneebedeckte Ruapehu auftaucht, auf dem wir vor wenigen Stunden Bergsteigen waren, ist das Feeling perfekt.

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Nach etwa einer STunde Fahrt kommt dann auch gleich das Stück ungeteerte Straße, das teilweise schon seeehr eng, aber dennoch gut machbar ist. Das Baby zumindest freut sich sehr über das Gerüttel… Gleich hinterher folgt das Hobbitloch, ein ziemlich enger und nicht gerade hoher einspuriger Tunnel. Immerhin ist hier wirklich wenig Verkehr – wir überholen nur zwei Radfahrerinnen und werden von Motorrädern überholt – mehr begegnet uns nicht.

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Dann, mitten im nirgendwo zwischen Hügeln und Schafen finden wir unser Nachtquartier: ein wunderschöner wenn auch winziger Campingplatz mit wahnsinniger Rundumsicht. Unsere einzigen Nachbarn sind – ihr glaubt es kaum – ein deutsches Pärchen mit Baby! Fast 2,5 Monate mussten vergehen, bis wir mal Elternzeitreisende mit in etwa gleichaltrigem Kind finden, und das dann ausgerechnet auf dem einsamen vergessenen Highway. Allerdings finden sich die Kleinen gar nicht so interessant. Unser Mädchen ist viel zu aktiv für den einen Monat jüngeren Jungen aus München, als dieser ihren Spielaufforderungen nicht folgt versucht sie es vergeblich damit, ihn mit Küsschen auf seine Seite zu ziehen, doch als das auch nicht wirkt, mopst sie ihm einfach sein Spielzeug und spielt damit.

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Wir Großen sind entzückt und verbringen den ganzen Abend zusammen, kochen miteinander und tauschen uns über das Reisen mit Baby aus. Unser Mädchen wird vor allem für ihre gute Laune bewundert, mit der es die vielen tausend Kilometer seit vielen Wochen anstandslos meistert, und ihre Offenheit gegenüber fremden Menschen. Die anderen Eltern hoffen, dass ihr Kleiner auch noch Rustikaler wird, sie mussten ihr Tempo schon ziemlich drosseln, da er Autofahren nicht so mag. Aber sie sind auch erst 10 Tage unterwegs, da kann viel noch werden. Wenn ich an unsere ersten 10 Tage denke… Da hatten wir auch noch ziemlich viel Watte um das Kind gewickelt. Jetzt mag ich mir gar nicht so recht ausdenken, wie das wird, wenn wir zuhause nicht mehr diesen Autofahr-Rhytmus einhalten können… Aber auch das wird das Baby meistern.

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Am nächsten Tag verlassen wir schweren Herzens unser kleines Paradies und rumpeln weiter Richtung Stratford. Die Strecke ist noch immer sehr schön, aber wieder ganz anders: Diesmal geht es wieder hoch und runter, durch kleine Dörfchen, neben der Straße eine Schienenstrecke, Weideland und Regenwald. Als wir Stratford erreichen kommt es uns vor, als würden wir von einer Zeitreise zurückkommen. Den Mount Egmont, weswegen wir eigentlich hier sind, beachten wir nur halbherzig. Zu sehr hat uns der Forgotten World Highway gefesselt und zu sehr wünschen wir uns, dass wir noch mehr von diesen vergessenen Fleckchen des Landes entdecken!

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Der Forgotten World Highway

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