Nach einem Monat in Neuseeland haben wir viele Eindrücke gewonnen. Sehr viele sogar. Doch der bleibenste Eindruck ist: Neuseeland ist nichts für uns. Das Land, das uns von vielen als ungefährlich, ideal für Babys und nicht zuletzt als wunderschön ans Herz gelegt wurde, ist nichts für uns. Leider.

Tagelange Regenfälle, ungemütliche 15 Grad tagsüber, Temperaturen bis zum Gefrierpunkt nachts, ein starker Wind hier, unpersönliche und überfüllte „Sensationen“ dort, Sandflies überall und keine Chance, dem Ganzen zu entfliehen. Bereits nach wenigen Tagen vor Ort nehmen wir Neuseeland mit Galgenhumor und frotzeln über diesen sogenannten Hochsommer, diese angeblich einzigartige Natur und vor allem über die Touristen.

Aber en Detail:

Hochsommer mit Wintertemperaturen

Das Wetter hat uns am meisten überrascht. Kälte. Anfangs dachten wir noch, wir sind nach Australien einfach „aufgeheizt“ und müssten uns erst akklimatisieren. Schlussendlich war es oft viel zu kalt um auf einem DoC zu wohnen, zu windig oder nass um draußen zu sitzen oder so voller Sandflies, dass auch Wärme und Sonnenschein uns nicht viel brachten. Ganze vier Mal in 30 Tagen benutzten wir in Ruhe unsere Campingmöbel, wobei uns nach einem dieser Male der Tisch geklaut wurde (kein Witz). Als wir am Haast Beach zum allerersten mal richtig gutes Wetter ohne Sturm und einen wirklich einsamen Strand vorfanden, fraßen uns die Sandflies auf – trotz Sandflieschutz. Irgendwann hatten wir ein schlechtes Gewissen, dass wir mit dem Baby so wenig raus konnten, wo es doch so gerne im Gras wühlt oder mit Steinen spielt. An Baden war gar nicht erst zu denken und Spielplätze gibt es leider nur sehr, sehr wenige in Neuseeland. Trotzdem hatte unser Mädchen stets gewohnt gute Laune, so schlimm kann es also im Camper oder in den Cafés, wo wir uns oft einfach nur von der Tristesse ablenkten, nicht gewesen sein.

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Von wegen einsame Wildnis!

Ich weiß, dass das schwer zu glauben ist. Ich würde es auch nicht glauben, wenn ich einfach nur die Bilder sehen würde, die ich zu den Blogposts hochgeladen habe. Ich würde dort auch die vermeintliche neuseeländische Wildnis und sensationelle Natur sehen, die ja wirklich auch sensationell ist, aber keinesfalls wild. Das ist sie nur auf den Bildern. Wir haben oft gegrübelt, ob wir das Land toller fänden, wenn wir nicht mit Baby unterwegs wären. Vielleicht. Doch wir hätten auch keine Lust gehabt, hier tagelang durch die Berge zu trekken (und eigentlich trekken wir gerne). Bei nächtlichen Temperaturen bis zum Gefrierpunkt und ständigem Wind und Nieselregen macht auch das nur bedingt Spaß. Die Landschaft ist schön, doch eigentlich nicht viel anders als die Alpen, der Schwarzwald, die Mecklenburgische Seenplatte und die Vulkaneifel. Nur eben mit Meer und alles sehr viel kompakter beieinander.

Das Land des Massentourismus

Größte Erkenntnis: überall dort, wo man irgendwie komfortabel hin kommt, sind auch 90 Prozent der anderen Touris.  Kleine Kostprobe? Bitteschön:

Auf dem Foto sieht es so aus (mit Zoom):image

In Realität und 10 Meter weiter so (ohne Zoom):

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Und das ist nahezu überall der Fall. Gerade an den Hotspots Abel Tasman NP sowie der Westküste tuckern ganze Mietcamper- und Reisebuskorsos stundenlang hintereinander her, verstopfen die Städte und machen das ganze Feeling einfach kaputt. Dank den Scenic Flights über Gletscher und Co. ist auch auf dem einsamen Wanderweg im Wald ständig Hubschrauberlärm zu hören. Wem das nicht passt, der soll bitte vor 8 Uhr morgens oder nach 6 Uhr abends kommen, darauf wird sogar mit Schildern hingewiesen:

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Mehrmals versuchten wir dem Massenstrom zu entfliehen, doch dafür ist das Land einfach zu klein. Einziger Rettungsanker waren unsere Campingplätze: meistens fühlten wir uns auf den wunderschön urigen, abgelegenen, aber meistens nur mit einem Plumpsklo ausgestatteten Plätzen des Department of Conservation (DoC) am wohlsten. Dort waren wir meist der einzige Mietwagen unter Backpackern, einheimischen Reisenden und Radwanderern. Gab es keinen DoC auf unserer Strecke, wählten wir via Wikicamps einen inhabergeführten Platz zwischen den Hotspots. Da es oft so furchtbar kalt war, auch etwas öfter auf powered-Plätzen, damit wir heizen konnten. So blieben wir zumindest Nachts dem absoluten Massenstrom einigermaßen fern – zu dem wir uns doch irgendwie mit unserem gebrandeten Mietwagen zählten. Denn, das ist uns durchaus bewusst, wir sind auch nur Touristen…

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Wo sind eigentlich die Neuseeländer?

Auch der Umgang zwischen Kiwis und Touris ist ganz anders, wie wir uns das vorgestellt hatten oder von Australien her kannten. Es gibt keine Atmosphäre. Null. Nix. Sofern die wenigen Menschen, mit denen man mal ein längeres Gespräch führen konnte überhaupt Neuseeländer (und keine Backpacker) waren, wird man freundlich behandelt, keine Frage, aber das wars dann auch schon. Kein Smalltalk, kein ehrliches Interesse, nichts. Dafür jede Menge Schilder, die einen für bekloppt erklären. „Achtung, heißes Wasser ist wirklich sehr heiß!“ am Boiler oder dem Buffett im Hotel, „Nicht über die Klippen klettern, du kannst runterfallen und sterben“ an den Pancake Rocks und so weiter. Ein wahrer Schilderwahnsinn! Traurig, dass dies überhaupt nötig ist – denn anscheinend verhalten sich Massentouris gerne mal wie Lemminge…

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Ein bisschen fühlte ich mich wie in einem Ferienpark ala Centerparks: Ankommen und eine Scheinlandschaft vorfinden. So sieht es in Neuseeland aus. So wird man behandelt. Dass das Land ganz schön ins Rödeln kommt, lesen wir bei unserem Abflug auf der Titelseite der „Press“:  Diese Saison seien die Touris so zahlreich ins Land geströmt, dass teilweise in den Städten das Wasser ausging und die Müllentsorgung ins Schleudern kam. Geht das so weiter, wird die Besucherzahl nächstes oder übernächstes Jahr die Einwohnerzahl Neuseelands übersteigen.

 

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Irgendwie beruhigt uns das. So kam es uns nicht nur so unglaublich voll vor, so war es tatsächlich auch.

Was es jedoch auch gab und hier vielleicht etwas zu kurz kommt: wir hatten tatsächlich ganz einzigartige Erlebnisse, wofür wir Neuseeland sehr zu schätzen gelernt haben. Zum Beispiel einen sensationellen Sonnenuntergang:

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Oder unseren wunderschönen Übernachtungsplatz direkt an atemberaubenden Klippen:

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Ja, keine Frage, wir hatten eine schöne Zeit im Land der Kiwis und wir behalten unsere Reise durch das ganze Land in schöner, ereignisreicher Erinnerung. Wem viele Menschen nicht viel ausmachen und wer ohne große Planung, aber mit viel Komfort und Sehenswürdigkeiten durch ein schönes Land fahren möchte, für den ist Neuseeland vielleicht genau richtig. Auch Sportler kommen hier bestimmt gut auf ihre Kosten. Als Elternzeitreise-Ziel jedoch hat uns Australien sehr viel mehr überzeugt, da hier für Kinder (auch für die ganz Kleinen) einfach mehr geboten wird und eine viel angenehmere Atmosphäre herrscht. Es lässt sich leider nicht anders sagen: Im Großen und Ganzen ist Neuseeland einfach nichts für uns.

 

Neuseeland: Goodbye, nicht auf Wiedersehen

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